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Agnuzzo, 11. Juni 1923

Lieber Herr Hesse,

Dr. Sanger gab mir Ihren lieben Brief, als wir am Mittwoch
beide droben antraten, um all die schönen Sachen zu verstauen, die aus
Baden angekommen waren. Ich sass auf der Bank bevor man zum
Rokkole kommt und las Ihre lieben Zeilen und war sehr nieder-
geschlagen. Sie hatten so grosse Hoffnungen auf die Kur in
Baden und wir alle hofften, es würde Ihnen dort geholfen werden.
Aber es scheint gar nicht so zu sein... Ich musste immer an Sie
denken, den ganzen Tag. Es ist doch nicht möglich, dass die Kur
Sie zurückbringt und alles schlimmer macht, als es war. Die
Schwester wird schon recht haben: die Nachwirkung wird alles
Schmerzhafte, das die Bäder lösten, mit wegnehmen. Was das nur
sein kann, dass Sie so leiden müssen..
Inzwischen haben wir hier unten richtige Sommertage bekommen. Gestern
(Sonntag abend) schlenderten wir nach Massagno. Die Nächte sind
jetzt so wach und bewegt. Der Salvatore leuchtete wie ein Trans-
parent. Wald, See, und alle Schatten dufteten nach Wein. Wann
werden Sie kommen, lieber Herr Hesse? Es ist unmöglich, dass Sie in
diesem anderen Bad nicht gesund werden und froh.
Meiner Mutter geht es nicht gut, ich hatte viel zu schreiben, nach-
hause. Ich bin auf eine schlimme Nachricht gefasst. Und drei Tage
bei Brown (Dienstag, Mittwoch, Donnerstag) haben mich ein wenig mürb
gemacht. Aber es geht wieder.
Am 15.ten fährt Annemarie und Emmy hat noch mancherlei für sie zu
richten. Deshalb schreibe ich heute allein. Ich hoffe so sehr, auch
in Baden wird jetzt eine mildere Sonne sein, und dass es Ihnen
besser geht.
Von Frau Wenger hörten wir garnichts mehr und sind recht besorgt
darüber.
Schreiben Sie uns Ihre Ankunft, lieber Herr Hesse, damit wir Sie
abholen können. Der Sommer muss alles gut machen.
Wir grüssen Sie herzlich,
Ihre
Balls

trascritto da Anonymous