St. Gallen den 30. Juli 1871

Hochgeehrtester Herr Professor!

Bitte vorerst um Entschuldigung, dass ich solange mit
einem Schreiben auf mich warten lasse. Seit dem Frühjahr setze
ich meine Untersuchungen in der Molasse, so gut es Zeit und Witterung
erlaubt eifrigst fort. Während meinen Frühlingsferien beging
ich das ganze untere Toggenburg bis Wattwil, Peterzell, Schwell-
brunn, Waldstatt, also das ganze Gebiet der nördlichen Nagel-
fluhzone. Besonders suchte ich westwärts Herisau nach der
marinen Molasse, leider vergebens. Nur zwischen Peterzell und
Brunnadern traf ich am Neker eine Stelle, die mir sehr
verdächtig vorkam, wo Mergel und Sandstein ganz ähnlich sind,
denen der marinen Molasse bei St. Gallen; Fossilien fand ich
jedoch keine. Zwischen Wattwil und Lichtensteig, wo die marine
Molasse durchstreichen sollte, hat die Eisenbahn leider keine
Anschnitte gemacht. Die neue Strasse zwischen Schwellbrunn
und Degersheim zeigt viele Aufschlüsse, jedoch nirgends eine
Spur von marinen Schichten; es folgen sich dort Nagelfluh= auf
Nagelfluhbänke, Sandsteine selten oder gar keine, nur hellgraue
kalkige oft röthlich violett gefärbte Mergel zwischen die Nagel-
fluh eingelagert.

Ich bin nun geneigt zu glauben, dass unsere marine Molasse
von Herisau aus nicht über Wattwil mit derjenigen am
Zürichsee zusammenhängt, wie wohl ich nicht daran
zweifle, dass das Molassenmeer der Mittelschweiz und das ostschweizerische

transkribiert von Mitosinka, Lucia